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Nashville News: “How’s it going?“

Victoria Dörr berichtet fasziniert vom für den deutschen Beobachter bisweilen ungewohnten Umgangston und der großen Toleranz in Amerika:

„Die Amerikaner sind total verrückt,“ warnte man mich spaßeshalber bereits vor dem Antritt meiner Reise nach Nashville. Alles sehe aus wie im Film und auch meine Austauschpartnerin Isabella, die letztes Jahr bereits bei mir gewohnt hat und daher unsere Schule kennt, antwortete auf die Frage nach dem größten Unterschied zwischen den Schulen mit „These Americans are crazy.“

Was ich, zugegebenermaßen, nicht ganz so ernst genommen hatte, prallte an meinem ersten Schultag in einer Masse von Eindrücken, wie ich sie niemals erwartet hätte, auf mich ein. Mit anfänglich hochgezogener Augenbraue sah ich sich unterscheidende Menschen aller Art. Sie unterschieden sich vor allem in ihrem Aussehen. Es war, entgegen meiner Erwartung, genau wie ich es (Achtung: Klischee) nur aus Filmen „gewohnt“ war. Das war es zumindest, was ich im ersten Moment empfand. So gab es einen Jungen, der durch die Schule lief und von allem, was er sah, Fotos machte. Ein Anderer wiederum betrat, wie selbstverständlich, im Tinkerbell-Schlafanzug den Klassenraum und ein auffällig geschminktes Mädchen, das wohl viele als overdressed bezeichnet hätten, gab es auch. Auf den zweiten Blick fiel mir ein sich vom Film unterscheidendes, alles veränderndes Detail auf: All diese Menschen waren unglaublich freundlich zueinander. Anders als im Film konnte man die Schüler nicht in „die Coolen“ und „die Opfer“ einteilen. Ich erlebte ein friedliches Miteinander und eine allgemeine Akzeptanz. Während ich in meiner anfänglichen Verwirrung die Aufrichtigkeit dieser Einstellung aufgrund des, für deutsche Verhältnisse, völlig übertriebenen freundlichen Verhaltens in Frage stellte, lernte ich gleichzeitig die Vorteile einer solch vielfältigen Gesellschaft kennen. So wählte ich bereits am dritten Tag ein Outfit aus, ohne mir Gedanken darüber zu machen, wie es bei meinen Mitschülern ankommen würde. Ich denke nicht, dass es mir ähnlich egal gewesen wäre, wenn ich in Deutschland auf eine neue Schule gewechselt wäre. Weiterhin fiel es mir jedoch schwer auf die mir oft im Vorbeigehen gestellte Frage, wie es mir ginge, in dem Wissen zu antworten, dass es den Fragenden wahrscheinlich nicht wirklich interessiert.

Was ist also diese ungewohnte Freundlichkeit der Amerikaner? Ich denke, sie ermöglicht den hier lebenden Menschen sich etwas freier als an anderen Orten zu entfalten. Wie sehr diese Freundlichkeit die Ehrlichkeit einschränken darf, sollte jeder für sich entscheiden. Ich jedenfalls versuche ab jetzt, bevor ich etwas sage, immer einen Moment innezuhalten, um abzuwägen, ob die Ehrlichkeit bzw. Direktheit meiner Aussage den Mut meines Gegenübers zum „Anders-sein“ einschränken könnte.

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